Eine Revolution von Innen

Ein Gespräch mit Martin Bertsch über das Visions Forum und die Visions Tagung


Herr Martin Betsch: Sie sind der Erfinder des Visions Forums und der Visions Tagung...
Martin Bertsch: ... Ich weiss nicht. Ich würde mich eher als Träger des Visions Forums verstehen.

Als Träger?
Martin Bertsch: Es ist einfach, gute sozial innovative Ideen zu entwickeln, zu "erfinden". Die eigentliche Herausforderung besteht darin, diese Ideen auch umzusetzen. Darin besteht die wirkliche Leistung. Die wirkliche Leistung ist, eine Idee oder Vision in die Realität zu tragen. Für das Visions Forum hatte ich das Bild zweier Hände, meiner Hände, die eine Tanzfläche emporstemmen. Darauf bewegen und entfalten sich Menschen.

Und Ihre Rolle ist dabei, eine Plattform zu schaffen.
Genau. Eine Plattform des Dialoges. Die Idee ist, verschiedenste Fachbereiche in einem Forum zusammenzuführen. Wenn Wirtschafts-Experten miteinander Lösungen suchen, können wir nicht wirklich ganzheitliche Lösungen erwarten, weil die Sichtweise eindimensional ist. Wenn Clowns mit Physikern, Musiker mit Sozialwissenschaftlern, Kinder mit Politikerinnen, Extremsportler mit Industriemitarbeitenden, Beraterinnen mit Betriebswirtschafter ernsthaft in einen Dialog  treten: Dann entfalten sich wirklich kreative und nachhaltig ganzheitliche Lösungen. Erst in der Grenzüberschreitung entsteht die notwendige Tiefe für wirkliche Lösungen.

Und wie sagen Sie im Slogan: Die Kraft von innen für Lösungen von morgen. Offenbar meinen Sie, dass diese Lösungen aus der Tiefe kommen.
Barbara Sher, die Erfinderin der Erfolgsteams, meint, dass es für andere leichter ist, für uns Lösungen zu entwickeln, als für uns selber. Hier liegt eine enorme Wirkkraft. Andere können für uns leichter über den Tellerrand blicken und wirklich neues entdecken als wir für uns, die wir manchmal ein Brett vor dem Kopf haben. Andere haben oft, und das ist manchmal das frappierende, auch einen liebevolleren Ressourcenblick für uns als wir für uns selber! Dies berührt auch eine Tiefendimension. Für andere ist es manchmal einfacher herauszufinden, was meine Mission ist.

Was meinen Sie mit Mission? Ich dachte es geht um Visionen?
Beide, die Vision und die Mission, entspringen dem tiefsten Kern unserer Identität. In der Mission wird deutlich, was mein Lebenszweck ist, was meinem Leben Sinn verleiht, es ist die Berufung. Wenn ich meine Mission lebe, kann ich meine Ressourcen voll zum tragen bringen, ich erlebe Erfüllung. Die Mission ist etwas, was aus der Vergangenheit in die Gegenwart drängt und sich erfüllen will. Die Vision richtet sich in die Zukunft. Die Vision gibt meinem Leben eine Richtung, einen Fokus, bündelt meine Kräfte. Die Vision schafft etwas neues, birgt eine Herausforderung, an der ich wachsen kann. Wenn sich diese Kräfte der Vergangenheit und der Zukunft in der Gegenwart treffen, wenn meine Mission zur Vision wird und meine Vision meine Mission ist, wenn sich diese beiden Kräfte verbinden, entsteht  eine ungeheure Energie, es ist, wie wenn der Schalter in einem elektrischen Kreis geschlossen wird. An diesem Punkt zerschmilzt Polarität von innen und aussen und es entsteht eine tiefe Einheit im Hier und Jetzt.

Das klingt mystisch. Ist das Visions Forum eine esoterische Bewegung? Geht es um Selbstfindung?
Lassen Sie mich das entfalten, das ist ein wichtiger Punkt. Der Esoteriker sucht in der Innenwelt, es ist der östliche Weg des Seins. Die Selbstfindung entspricht eher der Suche nach der Mission. Die Vision entfaltet Zukunftskräfte, da will etwas werden, was sich meist auf die äussere Welt bezieht. Dies ist der westliche Weg des Tuns.
Es ist hier aber auch wichtig zu verstehen, dass es verschiedene Visionen gibt. Eine Wortbedeutung ist ja auch das Trugbild. Erst wenn meine Vision aus der Tiefe kommt und verbunden ist mit meiner Mission, erst dann entsteht Einheit und Energie, die mein Tun befeuert. Das ist nicht Kontemplation, sondern das sind Wirkkräfte, Schaffenskräfte. Das ist eine exoterische Kraft, die nach aussen wirkt.

Woran können wir ein Trugbild von einer tiefen Vision unterscheiden?
Es gibt hier eine erstaunlich einfache Regel: Je tiefer die Vision, um so höher der soziale Mehrwert der Idee.

Klingt etwas abstrakt. Können Sie das anhand eines Beispiels erklären?
In verschiedenen Übungen der Visions Findung kamen bei mir selber immer wieder Elemente, die mir wichtig sind wie Abenteuer, Motorradtouren. Ich spürte eine Lust, hier aktiv zu werden. Aber es gab auch Komponenten, die ich ablehnte. Ich fand Motorradfahren unökologisch. Später wurde mir bewusst, dass ich andere Menschen in das Abenteuer begleiten möchte und ich begann mich mit Outdoor-Coaching zu beschäftigen: Wie kann ich Menschen in der Natur sich selber näher bringen.  In mir reifte die Idee des Coaching on the Road, ich bin mit Menschen mit dem Motorrad unterwegs. Das gibt mir die Möglichkeit, schnell mit Coachees an Orte zu gelangen, an Kraftorte beispielsweise, an Orte, die für die Lösungsfindung besonders geeignet sind. So entstand in mir eine kleine Vision, die um so erfüllender war, als dass es nicht nur mich selber betraf, sondern mir die Möglichkeit eines Dienstes an einem Menschen bot.

Haben Sie auch ein Beispiel einer grossen Vision?
Meine grosse Vision ist das Visions Forum. Es birgt in sich eine weltverändernde Kraft.

Weltverändernde Kraft?
Als ich Barbara Shers Idee der Erfolgsteams begegnete, war ich begeistert. Ich dachte mir, jeder sollte in ein Erfolgsteam eingebunden sein, wirklich alle. Und ich fragte mich: „Wie sähe die Welt aus, wenn jeder in einem Erfolgsteam eingebunden wäre“? Wie sähe die Welt dann aus?

Ich weiss nicht, vermutlich wären die Menschen weniger einsam!
Die Einsamkeit an und für sich ist nichts Schlimmes. Sie ist die logische Folge unserer individualisierten Welt. Wirklich schlimm ist, dass die Einsamkeit gekoppelt ist mit einem Unvermögen und einer Angst. Ich kann alleine nichts ausrichten. Ich kann mich selber nicht erhalten, ich bin existentiell auf andere angewiesen. Und diese existentielle Abhängigkeit ist das Fundament einer in unserer Gesellschaft tief verwurzelten Angst, von meinen Mitmenschen fallen gelassen zu werden. Fast alles in der Welt ist heute getrieben von dieser Angst.

Aber gerade diese Angst ist doch der Ausgangspunkt für einen sozialen Zusammenhalt!
Falsch. Es ist der Nährboden für eine Ego-Kultur und Konkurrenz. Der Ausgangspunkt für einen sozialen Zusammenhalt ist die Liebe. Die Grundgeste der Angst ist ein Nehmen, die Grundgeste der Liebe ein Geben.

Und was hat das mit Erfolgsteams zu tun?
Der Mensch hat das Vertrauen in sich verloren. Er traut sich nicht mehr zu geben, weil er in einer Angstkultur gefangen ist und meint, er könne erst geben, wenn er schon hat, wenn seine existentiellen Bedürfnisse erfüllt sind. Und hier sagen wir: „Falsch“. Der Mensch wird existentiell erhalten, wenn er seine Potentiale voll lebt, wenn er gibt. Dies ist ein schwieriger Paradigmen-Wechsel. Und das paradoxe ist, dass diese aufbauenden sozialen Kräfte erst aus dem Dornröschen-Schlaf von anderen geweckt werden können, die mir zeigen, wer ich bin, wie ich Ihnen helfen kann, wo meine Stärken sind, wo meine Mission verborgen liegt. Andere sehen dies klarer aus einer Distanz als ich selber.

Ist das das Erfolgsrezept der Barnraising-Kultur? So wie die alten Siedler in Amerika sich gegenseitig geholfen und unterstützt haben, so unterstützen sich heute Menschen in Erfolgsteams?
Ja. Es ist seltsam. Je achtsamer ich bin, um so mehr habe ich das Gefühl, das nicht meine Lehrer die eigentlichen Lehrer waren. Die wichtigsten Erkenntnisse verdanke ich meinen Schülern, meinen Kunden, meinen Coachees. Sie stellen Fragen an mich, und ich antworte, oder vielmehr, es gibt eine Antwort in mir. Ich trage oft länger Fragen in mir, und auf einmal, wie aus dem nichts, kommt eine Frage, die vielleicht nicht einmal mit dem Thema zu tun hat, und ich höre mich antworten und erkenne plötzlich die Lösung. Es ist, wie wenn der Schlüssel zur Erkenntnis nicht in mir, sondern in meinem Mitmenschen liegt. Sie entwickeln in mir mein Potential. Erst andere können mich wachküssen.

Wie das Dornröschen...
Genau.

Und die Vision der Erfolgsteams oder Visions Teams?
Ich dachte mir, wenn jeder Mensch in ein Erfolgsteam oder Visions Teameingebunden ist, das ihn bei dem unterstützt, was er eigentlich leben möchte, nicht das, was sein Umfeld und seine Eltern von ihm immer wollten und er sich antrainiert hat, sondern was in ihm natürlicherweise aus seinen Bedürfnissen und Potentialen wachsen möchte... Dann würde die ganze Welt völlig anders aussehen. Verstehen Sie die Tragweite dieser Idee?

Warum soll dieser Paradigmenwechsel gerade in Erfolgsteams stattfinden?
Wir leben im Informationszeitalter. Jeder Mensch ist mit den anderen verbunden. Dies sind grosse Netzwerke. Was uns fehlt, sind die Substrukturen, die kleinen Zellen, in denen ich eine persönliche Unterstützung erfahre. Es geht hier nicht um ein unpersönliches Chatten. Sondern es geht darum, dass mir jemand in die Augen sieht und meint: „Immer wenn Du von“ ... sagen wir „Tieren sprichst, spüre ich deine Begeisterung, deine Augen beginnen zu leuchten. Ich möchte dir helfen, diese Mission und Vision zu leben“. Wenn wir diese Unterstützung erleben und in unseren Herzen spüren können, dann kann sich die Welt verändern.

Und was hat dies mit dem Visions Forum zu tun?
Als ich Barbara Sher hörte, fragte ich mich, warum ist diese Idee nicht einfach so durchschlagend? Menschen helfen einander gratis und franko, das zu leben, was sie sind. Gibt es etwas Effizienteres? Ich dachte mir aber auch, dass hier ein Netzwerk fehlt. Ein Netzwerk, wo sich Menschen finden können, wo eine lösungsorientierte, wertschätzende Kultur herrscht. Ich spürte nach der ersten Visions Tagung das Bedürfnis der Menschen nach einen Netzwerk.

Und das ist das Visions Forum?
Das ist die Vision des Visions Forums. Aber es ist noch ein weiter Weg. Wir sind an einem schwierigen Punkt. Es zeigt sich, dass viele Menschen einmal hier und dann wiederum dort reinschnuppern und Wissen konsumieren. Es gibt nicht allzu viele, die sich selber wirklich auf einen Veränderungsprozess einlassen. Dies ist mit Verpflichtung sich selber und der Gruppe gegenüber verbunden. Erst, wenn ich mich für etwas verpflichte, kann ich selber wachsen. Das ist ein einfaches Prinzip, es führt mich in die Tiefe. Viele Menschen suchen in der Breite und rennen vor den eigentlichen Aufgaben davon.

Das heisst, Ihre Idee funktioniert nicht, oder noch nicht?
Ich habe viel Idealismus in das Projekt gesteckt. Es kommt der Punkt, und nicht zuletzt durch eigene private Herausforderungen meiner Familie und meinem schwer erkrankten ältesten Sohn, an dem sich zeigen wird, ob die Idee tragfähig ist. Die Idee soll sich letztlich selber tragen, auch ohne, dass ich selber sie nähre. Wenige erahnen die Tragweite der Idee und sehen äussere Veranstaltungen wie die Visions Tagung: Sie halten einen Prospekt  in den Händen und meinen: „Interessant, eindrücklich, aber ich habe gerade dann die Mitgliederversammlung meines Tennisclubs auf dem Programm...“.

Das heisst, es geht gar nicht um die Tagung an und für sich?
Die Tagung ist ein enormer Impuls, sein Leben an die Hand zu nehmen und seine Herzenswünsche unternehmerisch zu leben, beruflich, gesellschaftlich und privat. Es ist ein Impuls, um ein Netzwerk zum Erblühen zu bringen. Ein selbstorganisiertes Netzwerk mit kleinen visionären Keimzellen, Visions Teams. Insofern geht es um mehr als um eine Tagung. Natürlich hoffen wir, dass wir viele begeistern können für diesen Anlass des Dialogs jenseits von politischen und religiösen Vorstellungen. Klar, wir können nicht unbescheiden von uns sagen: „Wir haben hochdotierte ReferentInnen für die Tagung mobilisieren können und das spannendste Programm zusammengestellt, das man sich nur vorstellen kann.“ Aber eben, es geht noch um weit mehr. Es geht um eine Revolution von innen.

Herr Martin Bertsch, herzlichen Dank für das Gespräch und bis bald, am 27.11.2010

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