Kolumne 3.2010: Alles ist möglich, nichts ist unmöglich. Oder was Kinder uns vielleicht voraus haben...
von Evelyne Weder-Gehrig, Thun:
Herbert Grönemeyer singt in einem seiner Lieder: Kinder an die Macht! Recht hat er, denn es gibt für uns wohl keine besseren, wahreren und lichtvolleren Lehrmeister als unsere kleinsten Erdenbürger. Ihr Vertrauen ist schier endlos, und sie sind echt in jedem Moment. Zu Tode betrübt über einen kleinen zertretenen Käfer, unwillig und trotzig über eine Rüge der Mutter – und im nächsten Moment strahlt ihr Gesichtchen wie der Himmel beim Sonnenaufgang.
Ihr Glaube ist unerschütterlich. Zweifel, die aufsteigen, haben wir Erwachsenen ihnen gelehrt. Zweifel entstammen unserem Intellekt, nicht unserem Herzen. Das Wort drückt es völlig korrekt aus: im „Zwei-fel“ herrscht Kampf in uns: Kopf gegen Bauch. Sind wir in unserer Mitte, spüren wir die „Ein-heit“. So einfach ist das!
In unserer Mitte leben wir gemeinsam. Gemeinsam mit unserem männlichen Teil mit seinem Intellekt, der Logik, der Konsequenz und unserem gesamten weiblichen Teil aller Gefühle. Auch hier sind uns die Kinder oft weit überlegen: Sie be-werten kein Gefühl. Alles ist richtig, alles ist gut: Trauer, Wut, Freude, Gleichgültigkeit. Sie lassen jeder Emotion die Möglichkeit zum Ausdruck. Wenn wir erwachsen werden, lernen wir, was „man“ alles nicht macht. „Man“ ist ein unpersönlicher Ausdruck, ist Fremdmanipulation. Hier geben wir unsere eigene Macht ab und stehen nicht einmal mehr zu unserem eigenen Willen, unseren eigenen Wünschen und damit unserer grössten Kraft.
Als Mutter von zwei Kindern war es mir von ganz Anfang an ein Anliegen, meine eigene Kraft auszudrücken, indem ich offen sage „ich will das nicht“ oder noch besser „ich will das“. Unser eigener Wille ist wichtig. Er lässt mich in Beziehung zum anderen Lebewesen treten und erfahren. Ist diese Lektion gelernt, geht’s einen Schritt weiter mit dem Entdecken der Grenze und dem Uebergang zwischen „mein Wille“ und „dein Wille“ im Sinne des göttlichen Willens und einer höheren Kraft. Ist die Entwicklung bisher liebevoll und doch konsequent verlaufen, hat auch hier eine Verbindung Platz und wir spüren, dass „oben und unten“, „innen und aussen“ verschmelzen. Die Grenzen lösen sich auf, die Trennung ist Illusion.
„Kinder an die Macht“ – steht nicht schon in der Bibel „Werdet wie die Kinder!“? Richtig, es steht „werdet“ und nicht „seid“. In dieser Nuance der bewusst gewählten Worte liegt einmal mehr die ganze Weisheit der Aussage und der so unendlich wichtige Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen; hier liegt der Teil, dank dem auch wir zu Lehrern – oder besser Partnern – unserer Kinder werden können. Wir als Erwachsene verfügen über das BEWUSSTSEIN – die Weisheit, die aus der Erfahrung von all unseren gelebten Gefühlen und ausgeführten Taten erschaffen wurde. Paaren wir unser erhöhtes Bewusstsein mit dem reinen Geist und unserer lichtvollen Seele, haben wir genau das erreicht: Wir werden wie die Kinder. Wir bauen die Brücke über den schmalen Grat des durch unseren Intellekt begrenzten „Unmöglichen“ hinein zum Alles-Möglichen unserer Kinder.
Erinnern Sie sich an die Werbung der Automarke Toyota? Das Bild steigt immer wieder in mir auf in Momenten der Entscheidung, ob ich dem zweifelnden Intellekt Energie schenken soll oder weiterhin des Weg des Vertrauens gehe: der auf dem Baum singende Gorilla „Nichts ist Unmöglich – Toyota“! Inzwischen täte auch Toyota eine neue Vision, erwachsen aus der Verbindung von Herz und Kopf, gut. Zeit für einen inneren Neuanfang! In jedem Neuanfang steckt unser gesamtes Herzblut, unsere ganze innere Ueberzeugung. Genau jene Ueberzeugung, die weiss: alles ist möglich!
Während Jahrhunderten hatte der Intellekt nun das Sagen. Die Zeit ist reif, unseren Visionen Raum zu geben und sie in die reale Welt zu entlassen, Schritt für Schritt. Unsere Kreativität kennt keine Grenzen. Mit unserem gewachsenen Bewusstsein und der starken Kraft unserer Kinder, die über ein riesiges Potenzial neuer Fähigkeiten verfügen, entsteht die neue Zeit, in der nicht mehr das Paradigma „Entweder-oder“ sondern die Verbindung „Sowohl als auch“ die Geschicke bestimmt. Jeder einzelne Mensch, der sich in seinem Alltag darauf einlässt, erschafft in jedem Tag seine eigenen kleinen Wunder. Und dann gilt „Gemeinsam sind wir stark - alles ist möglich!